Bildtitel - unterschätzt und überlesen

English below...

Neulich erzählte mir jemand, dass sie oft eine ganz neue Sichtweise auf meine Bilder bekommt, sobald sie den Titel dazu liest. Das hat mich gefreut, denn Bildtitel sind für mich mittlerweile ein wesentlicher Teil meiner Arbeiten. Sie haben die Fähigkeit, ein Bild auf besondere Weise zu ergänzen und dem Betrachter einen tieferen Zugang zu eröffnen.

 

Es geht mir bei den Titeln meistens gar nicht darum, die Bilder zu erklären, sondern ihnen eine zusätzliche Dimension zu verleihen. Oft versuche ich, durch den Titel eine Assoziation zu schaffen, die der Betrachter auf den ersten Blick vielleicht nicht wahrnimmt. Manchmal will ich damit die Atmosphäre des Moments einfangen oder dem Werk eine geheimnisvolle Ebene hinzufügen. Ein Titel kann eine bestimmte Emotion hervorrufen, eine Geschichte andeuten oder eine völlig neue Perspektive eröffnen. Ich entscheide mich oft für englische Titel, weil sie für mich melodischer klingen und Stimmungen klarer ausdrücken.

 

Es gibt Bilder, die mir besonders am Herzen liegen, die ich jedoch noch nie gezeigt habe, weil der passende Titel fehlt. Ich möchte diesen Bildern nichts Zufälliges oder Belangloses anhängen. Oft habe ich das Gefühl, dass manche Bilder ohne einen durchdachten Titel unvollständig sind – als würde das letzte Puzzlestück fehlen, um ihre volle Wirkung zu entfalten.

 

Ich lasse mich auf der Suche nach Bildtiteln häufig von den Momenten und Stimmungen in der Natur inspirieren, von Gedanken die in meinem Kopf umherschwirren, aber auch von alltäglichen Dingen – beim Lesen, aber vor allem beim Musikhören oder in Gesprächen. Manchmal springt mich ein Satz, eine Zeile oder ein Wort an, und ich erkenne direkt einen potenziellen Titel.

 

Ein weiterer Grund, warum mir Titel so wichtig sind, ist die Möglichkeit, das Storytelling zu unterstützen. Ein Bild ist oft nur eine Momentaufnahme, aber der richtige Titel macht es Teil einer Erzählung. Er kann eine Richtung vorgeben oder eine kurze Geschichte andeuten, die dem Bild Spannung verleiht. So bekommt es eine Bedeutung, die über das Visuelle hinausgeht. Der Betrachter wird eingeladen, seine eigene Interpretation oder Geschichte zu diesem Moment zu entwickeln.

 

Besonders spannend finde ich es, mit Zweideutigkeiten zu arbeiten. Ich liebe es, wenn ein Titel auf den ersten Blick etwas ganz Offensichtliches vermittelt, aber bei genauerem Nachdenken eine völlig andere Bedeutung entfalten kann. Diese Mehrdeutigkeiten eröffnen Raum für verschiedene Interpretationen. Ein Titel, der auf den ersten Blick simpel erscheint, kann im Kopf des Betrachters neue Gedanken anstoßen, sobald er das Bild länger betrachtet. Es ist fast so, als würde der Titel dem Bild einen subtilen Unterton hinzufügen, der erst auf den zweiten Blick zum Vorschein kommt.

 

Neben der Mehrdeutigkeit streue ich manchmal auch kleine Botschaften oder Gedanken in meine Titel ein. Diese kleinen Details können ganz unterschiedlich sein: Vielleicht ist es eine persönliche Erinnerung, ein Wortspiel oder eine subtile Anspielung auf etwas, das nur für mich oder für bestimmte Betrachter erkennbar ist. Dies ist im Grunde nie offensichtlich, aber sie machen den kreativen Prozess für mich noch spannender. Es fühlt sich an, als würde ich dem Bild durch den Titel eine Art Geheimnis hinzufügen, das nur darauf wartet, entdeckt zu werden…

 

Ich weiß, dass viele Menschen Bildtiteln wenig Beachtung schenken, sie vielleicht gar nicht lesen oder sich keine Gedanken darüber machen. Für mich jedoch ist es Teil der Kunst, Bild und Titel so miteinander zu verweben, dass sie sich gegenseitig verstärken. 

Der kreative Prozess, einen passenden Titel zu finden, inspiriert mich immer wieder aufs Neue. Es ist eine besondere Art des Ausdrucks, die mich dazu bringt, meine eigene Arbeit auf eine andere Weise zu betrachten. Und am Ende des Tages geht es genau darum: Bild und Titel in Einklang zu bringen, sodass sie mehr werden als die Summe ihrer Teile – und beides in Kombination den einen oder anderen Betrachter vielleicht etwas länger beschäftigt, als es das Bild allein getan hätte.

 

 

 

Image titles – underestimated and overlooked

Recently, someone told me that she often gets a completely new perspective on my images when she reads the title. That made me happy because titles have become an essential part of my work. They have the ability to complement an image in a special way and offer the viewer a deeper understanding.

 

For me, titles are not about explaining the image, but about giving it an additional layer of meaning. I often try to create an association through the title that the viewer might not immediately notice. Sometimes, I aim to capture the atmosphere of the moment or add a mysterious element to the work. A title can evoke a certain emotion, hint at a story, or open up a completely new perspective. I often choose English titles because they sound more melodic to me and express emotions more clearly.

 

There are images that are particularly close to my heart, but I’ve never shown them because I couldn’t find the right title. I don’t want to attach something random or insignificant to these images. Often, I feel that some images are incomplete without a thoughtful title – as if the final puzzle piece is missing for them to reach their full impact.

 

When searching for titles, I often get inspiration from the moments I experience in nature, as well as from thoughts that are in my mind. And I’m frequently inspired by everyday things – while reading, but especially when listening to music or having conversations. Sometimes, a sentence, a line, or a word jumps out at me, and I immediately recognize its potential as a title.

 

Another reason why titles are so important to me is their ability to support storytelling. An image is often just a snapshot, but the right title makes it part of a larger narrative. It can give direction or suggest a brief story, adding tension and depth to the piece. This way, the image gains meaning beyond the visual, inviting the viewer to create their own interpretation or story around the moment.

 

I find it particularly fascinating to work with ambiguity. I love it when a title seems to convey something obvious at first glance, but upon further reflection reveals a completely different meaning. These ambiguities open up room for various interpretations. A title that appears simple at first can spark new thoughts in the viewer’s mind as they look at the image longer. It’s almost as if the title adds a subtle undertone to the piece, one that only reveals itself after deeper consideration.

 

Alongside ambiguity, I sometimes weave small messages or thoughts into my titles. These little details can vary: maybe it’s a personal memory, a play on words, or a subtle hint that only certain viewers will recognize. This is never obvious, but it makes the creative process even more exciting for me. It feels like adding a secret layer to the title, one that’s just waiting to be discovered.

 

I know that many people don’t pay much attention to image titles, perhaps not even reading them or giving them much thought. However, for me, it’s part of the art to connect image and title in a way that they enhance each other. The creative process of finding the right title continues to inspire me. It’s a unique form of expression that allows me to view my own work from a different perspective. In the end, it’s about bringing together the image and the title so that they become more than the sum of their parts – and perhaps, in combination, they might engage the viewer a little longer than the image alone would have.

 

 

Auf YouTube ansehen:

Behind a curtain of fairy lights...

Under clouds and stars...

Farewell...

Silence is golden...

Between the tides...

Ignite the light and let the magic happen...

Silent conversations...

Off to a new life...

Solitude in a sea of winter light...

Whispers and shivers...

Magical attraction...

A blink of an eye, gone with the wind...

Still dreaming...

Sanctuary...

Back to the lake...

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Kommentare: 4
  • #1

    Susanne Barkmann (Freitag, 11 Oktober 2024 12:09)

    Liebe Sandra,
    Danke für diesen Blog-Eintrag! Ja, der Titel erweitert das Bild. Das hast du gut beschrieben. Also bitte weiterhin Bilder mit Titeln. Und darauf achten, dass man auf Instagram nicht nur die Bilder "durchscrollt".
    Herzliche Grüße
    Susanne

  • #2

    Christine Weisheit (Samstag, 12 Oktober 2024 12:54)

    Ein schöner Artikel. Inspiriert.
    Hast du manchmal auch einen Titrl im Kopf bevor du ein Bild machst?

  • #3

    Sandra Westermann (Samstag, 12 Oktober 2024 20:01)

    @Susanne: Liebe Susanne, vielen lieben Dank für deine Worte und für deine Zustimmung, das freut mich sehr! Liebe Grüße und bis bald!
    @Christine: Ja, sehr oft! Und ich muss manchmal aufpassen, beim Fotografieren nicht aktiv nach einem passenden Bild für den Titel zu suchen. Das funktioniert meistens nicht und es ist sinnvoller, wenn das Bild vor dem Titel da ist bzw. man beim Fotografieren nicht schon einen bestimmten Titel im Kopf hat. Liebe Grüße!

  • #4

    Patrick (Mittwoch, 06 November 2024 16:02)

    Klasse geschrieben!
    Das beschreibt für mich die Magie sehr genau, Bilder entstehen in meinen Augen nie ohne tieferen Ausdruck (zumindest keine mit Nachhall). Das Zusammenspiel von Bild und Text schafft eine einzigartige Verbindung, die die Betrachtenden mit auf eine Reise nehmen kann und womöglich etwas Tieferes in Ihnen auslöst. Ob das Zeitgemäß ist weiß ich nicht aber man sollte auch mal gegen den Strom schwimmen, denn wer weiß was man auf der eigenen Reise findet?


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